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jurij m. lotman (R.I.P.)
die grenzen des textes sind die grenzen der welt

 

die spd neu erfinden

... hält rede über das internet. unangestrengt, durchsichtig, vernünftig. meilenweit voraus dem ganzen deutschen medienbewusstsein, von der politik ganz zu schweigen. was bedeutet das schon wieder? sich vorstellen, dass das jemand von der CSU wäre. und denken, dass in der SZ das wort "Web 2.0" immer neu unfassbar falsch verwendet wird. (dabei gäbe es dort leute, von jetzt.de, die wahrscheinlich wissen, worum es da geht.) der Digital Divide kommt mir gegenwärtig unüberwindlich vor: national, soziologisch, kulturell, auch sprachlich. Deutschland wird dann so was wie UK am ende des 19. Jahrhundert: eine kollektive sackgasse. ist es ja jetzt schon. (und da schließe ich die "progressiven intellektuellen" voll ein.)

... danke an a|c|wagner für die lustige grafik aus SpiegelOnline zur deutschen gesellschaftsstruktur.

gestern nachts im autoradio gehört: sendung über "prekariat". verstanden darunter "unterschicht", dabei geht es ja primär weder um bildung noch um kohle (das auch), sondern um entwurzeltsein: intellektuell, ökonomisch, gesellschaftlich, auch zwischenmenschlich. da gibt es dann prekäre unterschicht, prekäre mittelschicht, prekäre intelligentsia (tautologie, natürlich), und wahrscheinlich sogar prekäre oberschicht. diktatur des prekariats!

so etwa klingt immer gleich so altklug, ist aber doch ein ganz naives bedürfnis: eine checkliste, die man heute, im digitalen kapitalismus, nach dem ende der arbeiterklasse und der bourgeoisie, anlegen kann, um herauszufinden ob jemand (ich selbst, peer steinbrück ...) oder ein programm links ist oder nicht.

erstaunlich ist, dass das so leicht geht. also ist "links" durchaus keine überholte kategorie: sie funktioniert, ganz simpel. wieso geht das dann nicht da draußen, im großen politischen zusammenhang? weil alles so kompliziert ist? das war es früher auch.

jeder politische satz und jeder schachzug muss sich so überprüfen lassen. er kann pragmatisch sein, er kann auch zynisch und berufspolitisch abgebrüht sein. er kann im einzelfall (aber nicht gewohnheitsmäßig) leninistisch fies sein. aber er muss sich direkt auf dieses system von sätzen beziehen lassen, und es müsste das gefühl gehen, dass die verbindung direkt und unmittelbar besteht.

man müsste nachdenken, ob die kriterien ausreichen. was fehlt, ist offenbar der feind. braucht man den, d.h. muss man ihn (für diese checkliste) explizit machen? kann man ihn "kapitalismus" nennen? (ja und nein)

1 DAS LINKE INTERESSE

Politik ist das Spiel von Interessen. Das linke Interesse ist nicht-partikular: Es ist die Würde des Menschen, die offensiv seine Möglichkeiten einschließt.

Das linke Interesse zielt nicht auf „Ausgleich“ als Wert an sich. Es ist auch nicht gleichbedeutend mit dem "öffentlichen Interesse“ (Ordnung, Wohlstand, 'Selbstverwirklichung').

Würde zu behaupten ist ein anstrengender Prozess, der den Menschen zugemutet wird.

Die Digitale Linke interessiert sich für den Menschen und sein Recht auf Würde, nicht in erster Linie für „die Natur“ (was immer das genau ist).

Weil für die Linke aber der Mensch immer systemisch ist, appelliert die Linke nie sentimental an „den Menschen“. Das ist Ideologie, wenn der Appell nicht die radikale Anerkennung und Vertretung aller Möglichkeiten des Menschen bedeutet.


2 DAS SYSTEM

Für die Digitale Linke sind die Agenten, die den sozialen/historischen/politischen Prozess treiben, nicht Individuen, sondern die Energien, die in offenen, dynamischen, spannungsreichen Systeme entstehen.

Die Linke ist individualistisch, weil Individuen nötig sind um offene, dynamische, spannungsreiche Systeme zu erzeugen. Sie ist da anti-individualistisch, wo Individualismus zur Ideologie wird (Bourgeoisie-als-Zusammenschluss- vernünftiger-Subjekte, Kapitalismus-als- Wettbewerb, Konsum-als- Selbstverwirklichung).

Individuen sind hier begriffen als Systeme verwoben in andere Systeme (die Sprache, das System von Konsum/Prestige, die Wirtschaft, die Medien, die (Sub-)Kulturen, u.v.a. kleinere Systeme).

Das „soziale System“ wird nicht mehr als Organisation gedacht (Militär, Gewerkschaft, Partei), sondern als Netzwerk. Als mediale Organisation von Zeichen-Ereignissen (nicht: von Individuen).


3 MACHT & SYSTEM

Die linke Politik ist AKTIVISTISCH, d.h. nicht fatalistisch und nicht technokratisch. Sie will MACHT.

Die linke Politik betrachtet staatliche und soziale Macht als etwas Wertvolles und Konstruktives. Diese Macht als Mittel der Veränderung ist nicht zu verwechseln mit dem „Staat“ als idealiter „neutralem“ Apparat der kapitalistischen Selbststabilisierung.

Die Digitale Linke appelliert an den Einzelnen, sich selbst als nicht-individuell und als produktiv zu begreifen: „Sei systemisch!“ Das heißt nicht „Funktioniere!“, sondern: „Erfasse und erfinde jeden Tag das System neu!“ D.h. auch: „Greife ein!“ -- "Verstehe, wie die Maschine funktioniert!"

Nur der Mensch, der sich in ein System stellt, dieses begreift und in es eingreift, realisiert seine Möglichkeiten.

4 IDEOLOGIE

Die Digitale Linke ist IDEOLOGISCH und SELBSTKRITISCH: Sie weiß, dass es keinen ideologiefreien Raum gibt.

Die linke humanistische Meta-Ideologie will die ideologische begrenztheit überwinden. Da sie aber, wenn sie konkret behauptet wird, immer historisch und sozial definiert ist, ist sie zwangsläufig immer AUCH (aber eben NIEMALS NUR) beschränkte Ideologie.

Zugleich ist genau diese ungemütliche Dialektik von Beschränktheit und Unbedingtheit die Voraussetzung für die Beschleunigung der permanenten Kulturrevolution.

5 MEDIENREVOLUTION

Die Digitale Linke will permanente Veränderung. Der Status Quo ist niemals links, weil er immer ein Verrat an den Möglichkeiten des Menschen ist. Links sein heißt in der Krise sein. (Brecht: ‚Immer alles durch Kritik in die Krise bringen.’)

Die linke Rhetorik ist kämpferisch.Die linke Revolution ist eine permanente KULTURREVOLUTION, weil die linke Utopie auf dem semantischen Mehrwert aufbaut, den die sprachliche Selbstreflexion erst erzeugt.

Kampfmittel der Linken sind deshalb Sprache und Zeichen, mit denen Grenzen („Fronten“) definiert und gegnerische Positionen geschleift werden.

Linke Politik ist (und war von Anfang an) deshalb notwendig MEDIENPOLITIK. Seit die bourgeois-kapitalistische Politik ebenfalls bedingungslos Medienpolitik ist, ist die Linke gezwungen, die Medien besser zu begreifen und zu nutzen als ihre gesellschaftlichen Gegner.

Das ist gut so, denn die Medien sind keine Mittel der Propaganda, wie die Alte Linke glaubte, sondern selbst wesentliche Mittel um die Möglichkeiten des Menschen zu erweitern.

6 FORTSCHRITT

Die Digitale Linke ist FORTSCHRITTSFIXIERT, weil sie Dynamik erzeugen will und muss. Sie will immer MEHR und das ANDERE. Sie will den Menschen nicht „zu sich selbst zurück“ bringen, sondern nach vorn, zu seinen noch nie realisierten Möglichkeiten.

Sie sucht immer nach den „Transmissionsriemen“. (Alte leninistische Metapher, die allerdings zu kurz greift, weil sie einem vergangenen technischen Paradigma angehört). Der TECHNISCHE FORTSCHRITT (im weiten Sinn) muss von der Linken immer begriffen und oft positiv besetzt werden: nämlich da, wo er systemisch-humanitäre MÖGLICHKEITEN erschließt. Und das tut er schon allein deshalb, weil er für bewusstlose permanente Revolution sorgt.

Die Linke versucht typischer Weise das Bewusstsein herzustellen, das die bewusstlose TECHNISCHE REVOLUTION zu einer potenziell menschlichen Revolution macht. Sie leiht sich Dynamik. Weil die Linke immer eine MEDIENTECHNISCHE BEWEGUNG war und sein muss, spielt MEDIENTECHNISCHER FORTSCHRITT eine besondere Rolle. Das gilt naturgemäß in besonders extremem Maß in der gegenwärtigen postindustriellen Ära.

7 GLEICHHEIT

Links sein heißt, an der Forderung der GLEICHHEIT festzuhalten (Nobbio). Und wahr ist, dass Akzeptieren von Ungleichheit jedenfalls nicht-links ist.

GLEICHHEIT bedeutet auf der einen Seite (offensiv), in die Forderung nach Verwirklichung der menschlichen Möglichkeiten ALLE einzuschließen. (Was im übrigen auch deshalb gut ist, weil es automatisch zu permanenter Unzufriedenheit und Kulturrevolution führen muss).

Und Gleichheit bedeutet auf der anderen Seite (defensiv), so etwas wie einen sozio-kulturellen SPIELRAUM immer neu herzustellen, der maximale Vielfalt und maximale Interaktion ermöglich. Der viele Teil-Spielräume umfasst, und der allen Spielern die Möglichkeit gibt, so gleich zu sein wie Teilnehmer an einer Sportart bzw. Teilnehmer verschiedener Sportarten eben „gleich“ sind, ausgewiesen durch das neutrale Trikot.

„Gleich“ sein heißt hier, die Gnade zu erfahren, nicht an seiner Herkunft gemessen zu werden. Dass man diese gleichwohl immer mitschleppt, ist wahr. Niemand behauptet, dass die Forderung nach Gleichheit einen nicht-widersprüchlichen Zustand herstellt.

8 SOLIDARITÄT

Die LINKE ist notwendig SOLIDARISCH, weil sie immer auf sozialen Netzwerken aufbaut und die „Schwachen“ einbezieht.

Links-sein ist aber niemals einfach erschöpft mit „Solidarität der Bedrängten“ oder – noch schlimmer – „Sorge für die Benachteiligten“. Das wäre defaitistisch.

Die Solidarität der extrem Bedrängten ist nur dann hinreichend, wenn damit die allgemeine KULTURREVOLUTIONÄRE Forderung nach Verwirklichung der menschlichen Möglichkeiten verbunden wird.

Die Bedrängten und Schwachen selbst sind – oft – nicht-revolutionär und ihre Kollektive/Netzwerke sind immer davon bedroht, in nicht-linke Herrschaftsverhältnisse umzuschlagen.

9 WISSENSCHAFTLICH

Die LINKE ist nicht sentimental, sondern wissenschaftlich: nämlich in einem grundlegenden und aktivistischem Sinn systemtheoretisch.

Marx und Brecht waren Systemtheoretiker.

Die Linke begreift HUMANITÄT als Effekt von Systemen.

... immer doch politik ist". (#)

... doch, realistisch. so ist die partei:

der volkspartei ins gesicht schauen

... "„Familien brauchen Kontinuität. Die Familienpolitik der SPD setzt die richtigen Signale, es kommt nun darauf an, dass sie ihre Ziele auch weiterhin verfolgen kann. Würde die CDU darüber wieder entscheiden dürfen, sind Rückschritte in die Zeit von Dr. Helmut Kohl zu befürchten: die Vereinbarkeit von Familie und Beruf würde von der politischen Agenda genommen, der Ausbau von Kindergartenplätzen würde mindestens stagnieren und Bildungschancen gäbe es nicht mehr für alle, sondern nur für einige. Solche politischen Fehlentscheidungen aber treffen Familien am härtesten. Und innerhalb der Familien am härtesten diejenigen, die schuldlos sind an falscher Wahl: Unsere Kinder." (Joachim Bessing & Alexa Hennig von Lange)

... müntefering sieht aus wie franz headroom. aber ich mag ihn ja irgendwie. links klaus meine ("scorpions"), persönlicher kanzler-freund.
meine_muente.

"Im abstrakten gesprochen: Ich finde es immer toll, dass wenn ich Menschen persönlich begegne oder auch wenn ich nur etwas über sie höre über Dritte, wenn ich sie im Fernsehen sehe oder etwas über sie lese, dass etwas von ihrer Menschlichkeit Preis gegeben wird. Menschlichkeit mit allen, was eben so dazu gehört. Auch mit einer gewissen Unsicherheit und Ungewissheit, die ohnehin alles Leben umgibt, die sich beim Menschen möglicherweise in den Worten manifestiert, in den Augen einnistet. Wenn man diese Augen als Bild nehmen darf, dann finde ich es toll, wenn die Menschlichkeit in den Augen bestehen bleiben darf, wenn keine Schicht die Augen überzieht, damit sie mit aller Gewalt verborgen wird. Und ich finde, dass Gerhard Schröder und die gesamte SPD dieser Menschlichkeit viel mehr Raum gewähren als alle anderen Parteien in Deutschland. Deshalb können sie auf meine Unterstützung zählen." (Benjamin Lebert)

... kurz entschlossen den blogs der Roten Wahlmannschaft beigetreten. darf ich von da aus auf die beiträge hier verlinken? die ausschlussklausel lässt zweifel zu:
"Die Rote Wahlmannschaft ist eine Gemeinschaft von Menschen, die aktiv für den Erhalt der sozialen Marktwirtschaft, der sozialen Sicherheit und des sozialen Friedens eintreten wollen, die Vertrauen in Deutschland haben und die wollen, dass Gerhard Schröder Bundeskanzler bleibt. Die Roten Blogs sind ein exklusives Angebot an die "Rote Wahlmannschaft". Es besteht kein Rechtsanspruch auf Nutzung dieser Online-Plattform. ... Wir behalten uns vor, Personen, die gegen diese Nutzungsregleungen verstossen oder der oben beschriebenen Zielrichtung der Online-Wahlkampfplattform zuwider handeln, von deren Nutzung jederzeit auszuschließen und entsprechende Beiträge zu löschen. ... Die Roten Blogs sind ein exklusives Angebot des SPD Parteivorstandes für die Mitglieder der Roten Wahlmannschaft. Diese setzt sich für den Erhalt der sozialen Marktwirtschaft ein und dafür, dass Gerhard Schröder Kanzler bleibt. Für das Angebot der Roten Blogs gelten die der New Media Mangement GmbH. Des weiteren behält sich der SPD-Parteivorstand das Recht vor, Mitglieder aus der Roten Wahlmannschaft und damit der Nutzung der Roten Blogs auszuschließen, die den oben genannten Zielen zuwider handeln."
das mit dem erhalt der sozialen marktwirtschaft ist natürlich so eine sache ... salomonische lösung: sie kann ja schon deshalb nicht "erhalten" werden, weil sie sich gerade selbst revolutioniert. und dass gerhard schröder kanzler bleibt ... das schlucke ich einfach mal kommentarlos. wird er ja eh nicht mehr.

        

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