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jurij m. lotman (R.I.P.)
die grenzen des textes sind die grenzen der welt

 
ich entschuldige mich ausdrücklich bei der schöngeist-fraktion. aber da ich ja das völlig uncoole und reichlich sinnlose projekt verfolge, wenigstens ab und zu hypothetisch "die SPD neu zu erfinden", quasi als ob es dort DigitaleLinke und Politik 2.0 gäbe, verwende ich jetzt dafür auch manchmal das blog hier. noch eins will ich nicht aufsetzen;)

(SPD? ja, ich weiß. ist mir selber peinlich. was ein grund ist, es zu tun. die anderen gründe sind mein spd-eltenrhaus und meine tendenz, immer lieber zum mainstream sprechen zu wollen als zu den eh-schon-überzeugten. und es ist interessant dabei zu sein, wie das jetzt stück für stück auseinanderbricht.)
bebuquin meinte am 21. Jun, 21:31:
What difference does it make?
Digitale Linke?!

Heavy words are so lightly thrown... Worin besteht eigentlich der Unterschied zwischen einer digitalen Linken und, sagen wir, einer Retro-, Neo- oder sonstigen Linken? What difference does it make? Oder, na gut, meinetwegen, sagen wir es weniger poppig sondern wissenschaftlich: Was macht die differentia specifica einer digitalen Linken denn genau aus?

Die Rede von einer digitalen Linken macht nur Sinn, wenn sie unser politisches Unterscheidungsvermögen schärft.

„Digitale Linke“ könnte beispielsweise ein Kandidat dafür sein, neu entstandene Maßverhältnisse des Politischen vor dem Hintergrund ubiquitärer Kommunikationstechnologien und eines global gewordenen Kommunikationshorizonts miteinander zu verknüpfen. Etwa dann, wenn sich in einem solchen lockeren Verbund nachweislich anders Politisierte sammeln und andere Politiken präferiert werden. Aber auch nur dann, wenn ausgeschlossen werden kann, dass hinter all dem selbstbesoffenen Techno-Geplapper wenig mehr als als eine uninformierte Wiederauflage von technologisch kostümierten Strategien der Gegenöffentlichkeit und „spezifisch“ engagierten Intellektuellen stecken.

Das es eine solche, neue „Formation“ geben könnte, dafür sprächen beispielsweise folgende Brüche und Verschiebungen gegenüber der historischen Linken:

1.Lebensstile

Die digitale Linke ist nicht weiter fraglos in ein (politisches) Milieu hineingewachsen. Ihren Zusammenhalt und ihre Organisationsfähigkeit bezieht sie nicht (länger) aus der Kuh- und Brutwärme lebensweltlicher Verstrickungen sondern aus der Stärke schwacher Bindung. Die digitale Linke ist vom Stamme der Digital Natives. Ihr Ortsverein ist das globale Dorf. Ihr Parteibuch ein Weblog.

Ihr Selbstverständnis bildet sich in den flüchtigen Medien eines globalen Kommunikationszusammenhanges nicht in den Initiationsriten des eigenen Stammes. Ihre eigene, postkonventionelle Identität als digitale Linke setzt dabei das „linke“ Maß um soziale Verbände unter den Bedingungen posttraditionaler Vergesellschaftung sinnhaft zu integrieren. Dazu braucht es eine funktionierende Öffentlichkeit und ein deliberatives Rechtssystem. Keine krampfhaft unverkrampften, alkoholschwangeren Fanmeilen.

Die digitale Linke eint sich punktuell um Themen und Werte. Die Pluralität der Lebenstile in ihren Reihen ist ihr dabei eine Selbstverständlichkeit. Sie hat es nicht nötig, wie die widerwärtigen Vertreter der Enkelgeneration im Maßanzug proletarisches Sprechen als Clownsnummer zu inszenieren, nur um Kontinuitäten zu beschwören, die längst unterbrochen sind.

The devil will find work for idle hands to do

2.Produktionsbedingungen [...]
3.Verständigungsverhältnisse [...]
4.Bildungswege [...]

(Fortsetzung folgt)

Die - woran in Zeiten einer vorgeblich anbrechenden Wissensökonomie (und PISA-Studien...) vielleicht nochmal erinnert werden sollte - aus den Arbeiterbildungsvereinen hervorgegangene deutsche Sozialdemokratie hat es bis heute nicht geschafft, ihr, sagen wir also „digitales“ Godesberg ins Werk zu setzen und die eigene milieuübergreifende Relevanz unter erneut gewandelten Bedingungen zu begründen. Dabei trägt sie in ihrem Ursprung die Lösung bei genauem Hinsehen in sich.

Der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, historisch verankert in einem von drei großen gesellschaftlichen Blöcken mit dem erweiterten Anspruch Volkspartei zu sein steht eine Zukunft bevor, derer man schon heute in jeder ihrer Versammlungen ansichtig werden kann: Sie wird die Milieupartei der Sozialaufsteiger. Und das sind einfach nicht (mehr) sooo viele. Genauer gesagt: immer weniger. In der Vertretung der Interessen dieser Klientel könnte sich schon bald ihr Daseinszweck erschöpfen. Modernisierungsverlierer tröstet dann künftig „Die Linke“. Arbeitsteilung oder aber eine Differenzierung der Politiken, die dergestalt einer Pluralisierung der gesellschaftlichen Milieus zu folgen scheint. Stabilität ist auf Dauer halt einfach hochunwahrscheinlich...

Ich bin Sozialdemokrat. Die, über lange Jahre aktive Mitgliedschaft in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands habe ich beenden müssen. Aus Überzeugung. Und tiefem Respekt gegenüber denjenigen, die für sozialdemokratische Werte in den vergangenen 135 Jahren selbst- und fraglos eingetreten sind.

But I'm still fond of you. 
jurijmlotman antwortete am 13. Jul, 16:46:
danke. ich kann dem nur beipflichten. schade, der diskussionsbeitrag sollte noch irgendwo anders veröffentlicht werden. (aber was wäre überhaupt der ort für solche freischwebenden erörterungen.)

"Die ... aus den Arbeiterbildungsvereinen hervorgegangene deutsche Sozialdemokratie hat es bis heute nicht geschafft, ihr, sagen wir also „digitales“ Godesberg ins Werk zu setzen und die eigene milieuübergreifende Relevanz unter erneut gewandelten Bedingungen zu begründen. Dabei trägt sie in ihrem Ursprung die Lösung bei genauem Hinsehen in sich."

ja, das trifft meine diffuse motivation genau. inwiefern sozialdemokratie als lebendige politische haltung und energie dann künftig noch so heißt bzw. in der gleichnamigen partei stattfindet, ist eine frage, die der nach der zukunft des journalismus ähnelt. nur zum kleineren teil jedenfalls.

zum buzzword "Digitale Linke": die oben vorgeschlagene deutung gefällt mir ausnehmend gut, und wenn das konkret tatsächlich losgehen sollte -- allmählich scheint sich ja ein digitales prä-68 gerade zusammenzubrauen-- dann würde ich gern dabei sein.

für mich persönlich verbindet sich mit dem schlagwort dazu eine durchaus noch unausgegorene medienmaterialistische reminiszenz an Marx bzw. Brecht. also: die den technisch-medialen verhältnissen innewohnende binnenlogik kühl & ingenieurhaft analysieren. die widersprüche nutzen, die das system über sich selbst hinaustreiben. den fortschritt entbinden, der darin angelegt ist. den technologischen apparat besser verstehen als diejenigen, die an den schalthebeln der macht sitzen. das immer als gegenentwurf oder komplement (?) zu einem eher moralisierenden linken ansatz. 
jurijmlotman antwortete am 13. Jul, 16:54:
sehe jetzt erst das zum kommentar gehörende heimatblog "links und digital".
wunderbarer programmatisch-biographischer blogpost dort: //linksunddigital.wordpress.com/2009/06/20/links-und-digital/ 
bebuquin antwortete am 14. Jul, 22:18:
Die digitale Weltbühne betreten
jurijmlotman antwortete am 13. Jul, 16:46:
>>danke. ich kann dem nur beipflichten. schade, der diskussionsbeitrag sollte noch irgendwo anders veröffentlicht werden. (aber was wäre überhaupt der ort für solche freischwebenden erörterungen.)<<

Hier DIE digitale WELTBÜHNE zu betreten, gleichsam einen globalen Ort für freischwebende Erörterungen, hat einen durchaus mitgedachten und unsichtbar gelassenen mediengeschichtlichen Hintergrund. Dieser Diskussionsbeitrag verdankt seine Entstehung einem Text von E. S.. Dem Lachen über eine Person, die – obgleich Ihre Generation – in mitten einer medialen Zeitenwende unbeirrt ihre linke Melancholie auf ein BLÄTTCHEN Papier schreibt und sich (erst) damit am Ufer der Erwählten wähnt - im Reich der Freiheit in dem sie, innerer Notwendigkeit folgend, äußeren Zwängen entfliehend sich zum wahren, d. h. denkenden und gehörten Menschen zu bilden hofft. Unter Pseudonym. Versteht sich. Sicherheitshalber. 
        

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