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jurij m. lotman (R.I.P.)
die grenzen des textes sind die grenzen der welt

 

neue deutsche literatur

Wenn das Subjekt nicht bei sich ist, wenn es allein ist, und ebenfalls nicht bei sich, wenn es liebt und geliebt wird; wenn es nicht bei sich ist, wenn es sich in sein Denken und Fühlen zurückzieht, und nicht bei sich ist, wenn es sich in die Außenwelt entäußert –

dann gibt es nur eine Ebene, auf der diese Subjektivität den Anspruch auf Wirklichkeit erheben kann: auf dem Papier und in einer prozessual aufgefassten Literatur, zugleich schreibend und das Geschriebene selber lesend (oder rezipierend), isoliert und dennoch in einer kommunikativen Beziehung stehend.

Sich zu erinnern gilt tendenziell nicht mehr als unwillkürlicher Vorgang, sondern wird als sprachlicher Prozess erkannt. Da es keine Instanz mehr gibt, die die Übereinstimmung von Leben und Erinnerung bestätigen könnte (und damit eine Identität des Subjekts, die dessen Anschlusserleben präformiert) gibt es nur ein Bewusstsein, das sich erinnert, indem es Worte hervorbringt und zu einem Bild oder einer Erzählung zusammenfügt.

Erinnern erscheint demgemäß als sprachliche Dekonstruktion von Wirklichkeit, gewissermaßen wortwörtlich als ‚Entsinnen’: Die anscheinend unwillkürlichen Erinnerungen werden in die einzelnen Fragmente und Bilder zerlegt, die man für ihre ‚authentische’ Basis hält, und diese Partikel werden nicht wieder in einen neuen sinnhaften Zusammenhang gebracht.

Die Entfremdungserfahrung des traditionellen Subjekts ist wie immer zugleich eine Errungenschaft: Die Erinnerungsfragmente werden zu frei kombinierbaren Elementen für den ‚offenen Text’, der neue Möglichkeiten für Anschlusserleben schafft und so zusammenfällt mit der befreiten Meta-Subjektivität.

Die ‚Rettung’ des letzten nicht-entfremdeten Restes von Subjektivität setzt die Möglichkeit authentischer ‚Erfahrungen’ voraus, die es in der außerliterarischen Welt aber der eigenen Prämisse zufolge nicht mehr gibt.

Als letzter Rest solchen authentischen, ‚offenen’ Lebens erweist sich so paradoxerweise das Schreiben, das ja eigentlich gerade Leben im Sinne einer sinnlichen Teilhabe an der Welt zumindest für die Dauer des Schreibaktes verhindert.

Das solipsistische Geschäft des Schreibens wird zum Inbegriff wahren Lebens durch doppelte Negation im Sinne Adornos: Im ‚falschen Leben’ ist Teilnahme gleichbedeutend mit emphatischem Nicht-Leben.

Indem ‚das Schreiben’ (ein erst jetzt [seit ca. 1950] emphatisch formulierter und geläufiger Ausdruck’) das entfremdete Leben verfremdet und so als entfremdet erst kenntlich macht, ist es mindestens Stellvertreter und letzter Rest ‚richtigen’, d.h. authentischen und emphatisch subjektiven Lebens.

Die Dialektik der „Moderne” mündet also in die Aporie der absoluten Subjektivität, die keine andere sinnstiftende Größe mehr anerkennt als sich selbst. Für die Literatur heißt das, dass sie notwendig selbstreflexiv und prozessual werden muss.

Das Subjekt weiß in eben diesem Moment nichts mehr über die Welt zu schreiben und nicht mehr schreibend auf sie einzuwirken, in dem es erkennt, dass es alles schreiben kann, und in dem es überhaupt recht erkennt, was das eigentlich ist: „Schreiben”.

"... wie ein insekt, das gerade noch seinen verrichtungen nachgegangen ist und unerwartet von einem tropfen baumharz überrollt wird". passig in der SZ, untertitelt: "In Klagenfurt fehlten mir Schuhe, ein Föhn und ein Kunstbegriff."

wobei ja der unterschied, um den es geht, der zwischen kunstharz-text und baumharz-text zu sein scheint, wenn man "harz" hier für "im gefügten text erstarrt" setzt. "kunstharz" dann: die art von gefügtem text, die sich sich von vornherein obsolet anfühlt. ich sage ja gar nicht, dass das grundsätzlich nicht mehr geht. das größte ist weiterhin der plötzlich zeitlose gefügte text, aber der kann sich, so denkt es in mir, heute nicht mehr recht in den vorgefügten schablonen entwickeln. wobei andererseits natürlich DeLillo ... usw.

... versierte Web20erin laut SZ. aber eigentlich fand ich die kurzinhaltsangabe im radio zum siegertext ja abschreckend. so kunststückhaft. malorama via assotsiationsklimbim:

"und überhaupt finden ja alle zur zeit “befindlichkeit” ganz schrecklich [warum eigentlich? hey! ich mag befindlichkeit! ich möchte mir keinen von mir geschätzten roman ohne befindlichkeiten vorstellen. das problematische an befindlichkeiten ist nicht die befindlichkeit an sich, sondern die von den wenigsten autoren beherrschte literarische beschreibung derselben, ohne ins pathetisch-langweilig-vorhersehbare abzurutschen.]"

guter punkt: die zweischneidigkeit von befindlichkeitsliteratur. vielleicht aber die falsche opposition? befindlichkeit als etwas, das einen text existenziell grundiert, ist notwendig. eher so etwas wie weinbergers voice. problem ist ja immer dann, wenn befindlichkeit nicht werkzeug und waffe der erkenntnis ist und sich also nicht auf etwas anderes richtet. auch die beherrschte "literarische beschreibung derselben" wäre also nichts gutes.

erst jetzt mit verstand gesehen und als brillant erkannt: der flickr-stream von mausfabrick/assotsiatsionsklimbim.

... da ist das zitat: "Text heißt Gewebe; aber während man dieses Gewebe bisher immer als ein Produkt, einen fertigen Schleier aufgefaßt hat, hinter dem sich, mehr oder weniger verborgen, der Sinn (die Wahrheit) aufhält, betonen wir jetzt bei dem Gewebe die generative Vorstellung, daß der Text durch ein ständiges Flechten entsteht und sich selbst bearbeitet; in diesem Gewebe - dieser Textur - verloren, löst sich das Subjekt auf wie eine Spinne, die selbst in die konstruktiven Sekretionen ihres Netzes aufginge" (Barthes, Die Lust am Text, 1986: 94).

Uwe Wirth, Wen kümmert´s wer spinnt? Gedanken zum Schreiben und Lesen im Hypertext (1999)

... in der krise sein. (Heinrich Böll)
dieses Blog ist versandet. digitales leben in der krise.

schreiben heißt, sein Leben vor sich hinstellen. (#)

Schreiben heißt Warten. (#)

Schreiben heißt, sich zu befreien. (www.magersucht.de)

Schreiben heisst ja, Fluchtlinien ziehen ... (#)

Schreiben heisst einige Prozesse geistig zu durchschreiten. (#)

Und Schreiben heißt, auf eine bestimmte Weise die Welt (das Buch) zerspalten und wieder zusammensetzen. (Barthes)

... gerade erst gelesen.

        

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