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jurij m. lotman (R.I.P.)
die grenzen des textes sind die grenzen der welt

 
"Nichts ist so interessant wie die gestrige Zeitung, im Gegensatz zum bekannten Diktum, und das Gestern kann sein das von vorgestern, von vor zwei Jahren, zwei Monaten, vier Wochen oder mehreren Jahren. Drüben im Büro lagern noch ganze Kartons von den Berliner Seiten der Faz, sie fungieren da als Kommode im Gang, werden irgendwann aussortiert und gesichtet werden. Dabei ist das Interesse völlig unnostalgisch, es geht um die geistige Struktur von Aktualität, in Interferenz von öffentlicher Kommunikation und individuellem Bewusstsein."

wobei mir auffällt, dass mein metier seit jeher eher das geisterhaft "gedruckte Wort" war und ist, dass ich mit dem endgültig gedruckten Schwarz-auf-papier noch nie eine besondere faszination verband, dass meine art der textanalyse immer eine verflüssigung des gedruckten beinhaltete, dass also das digitale Skywriting in den lichtraum mir von anfang an entsprach. weshalb ich auch keine spuren hinterlassen werde. weshalb mich die gedruckte medien-szene eigentlich gar nicht mehr innerlich bewegt. als ob die kraft aus diesen medien gewichen sei.

"In vielen Blogs wird jetzt die grundlegende Erfahrung des Schreibens gemacht, dass das vom eigenen Erleben berichtende Schreiben solange gut geht und gut klingt, welteröffnend und erfahrungsbildend wirkt, solange die Ichfigur sich selbst und ihrem Berichten gegenüber eher blind bleiben kann. Resonanz, Reaktionen, Kommentare stören diese Selbstunsichtbarkeit, zerstören das Automatische, das selig Textmaschinenhafte, das das Schreiben anfangs haben kann."

glaub ich nicht recht. blogs, wie ich sie kenne, sind eher nicht selbstvergessen, und bestehen ja eben nicht einfach aus "vom eigenen Erleben berichtenden Schreiben". auch bei den normalos sind das eher ziemlich auto-reflexive "selbst"-konstruktionsmaschinen, und zwar erstaunlich selten im blöden sinn von posing.

das resultierende selbst ist eigentlich immer irgendwie interessant, weil eben halb-bewusst aus text gebaut: relativ abstrakt und stark elliptisch. eine halb-bewusstheit, würde ich sagen, ist überhaupt das, worauf dieses schreiben zielt. aber eine, die sich selbst genügt und weder zurück ins nicht-bewusste will noch vorwärts ins bewusste.

der rest stimmt natürlich auf klassikerhaft-zeitlose weise:

"Beim Plappern und Schnattern muss der Text bleiben und trotzdem die Last seiner selbst, des Geschriebenseins fühlen und benützen, fürs Weiterdenken ausbeuten können. So eingesetzt treibt Text das Erlebte über das Gewusste hinaus, dieser Surplus wird beim Schreiben als Glücksgefühl spürbar, später auch dem Leser. Springt der Text nicht auf diese Art um in etwas Neues, vor dem Schreiben noch nicht Gewusstes, so nicht Geplantes oder Gedachtes, bleibt er stumpf. Text ist ein experimentelles, entdeckerisches Instrument, von geburts wegen jung und heldisch aufgelegt, eine siebenfach tertiäre Naivität sei der Raum seiner Glücke, die Hut ihrer -"

ja und amen. dass mich das glücklich macht, so etwas zu lesen, zeigt, dass ich meine literatur-vergangenheit nicht überwunden habe. ich kann nur eben nichts mehr konstruktives mit ihr anfangen in dieser punktlosen scheißkultur, in der zu leben ich verdammt bin. was macht eigentlich praschl, by the way? ich habe mir sein relaunchtes matador-sexheft immer noch nicht gekauft, wollte das aber ja unbedingt tun. morgen am freisinger bahnhof.

Der Text "sollte so bewusstlos, ichstark und zugleich quasi autorschaftsfrei sein, wie das im Geschehen sich verlierende Auftreten des angenehmen, ungeduckten, uneitlen Menschen dort [im Nachtleben]."

thema text-aus-welt woanders fortgesetzt. Hier eben nachtleben statt reise-passantentum. (meine erinnerungen ans münchner nachtleben seinerzeit geben das ja nicht recht her: solche subkultur-sozialen glücksmomente entstanden für mich immer nur in verbindung mit und am rand von ästhetischen ereignissen, d.h. live-musik.)

in jedem fall muss aber "primärer" organischer brennstoff in die sekundäre textmaschine, die nur dann funktioniert, wenn die spannung primär/sekundär in keine richtung aufgelöst ist. (lotman himself erklärt so die semiosphere.) in wahrheit ist ja das text-bedürfnis primär, wie ich schon damals bei den anitsemitismus-studien gefunden habe.

merke gerade, dass ich genau deshalb nicht schreiben kann: weil ich das primäre immer schon überspringe, dass als widerstand und rohstoff notwendig ist. so wie man für einen gescheiten roman sinnlos recherchieren muss: delillo usw.

inwiefern ist der wert der unis gerade die eigentlich meist sinnlos deklarierte dauer des "wissens", die als solche anzieht, auch wenn es eben nur um irgendetwas geht, immerhin aber historisch entstanden und mithin um "wissen" im emphatischen sinn? wie kann man dem internet, das ja als wissensmaschine viel viel größer und intensiver ist, ein paar merkmale der universität geben: also die körperhaftigkeit, die reduktion der aufmerksamkeit auf ein paar verbindliche inhalte, das abstrakt beruhigende meister-schüler-verhältnis, die soziokulturelle neighborhood, die daraus besteht, das man institutionell mit leuten zu tun hat, die irgendwie ähnlich sind, unter studenten oder unter dozenten, ohne dass man irgendwelche besonderen gedanken mit denen teilen muss ...

warum beglückt es überhaupt, wenn jemand aus einem gedanklich "irgendwie" jederzeit zugänglichen inhalt konkrete und gelungene sätze macht? weil sie jetzt allein stehen, mit viel weißraum drumherum, so wie skulpturen durch wegschlagen entstehen? und warum sind sätze, an denen der textprozess klebt, heutzutage so viel intensiver und relevanter als sätze, die - wie früher ja normal und sogar angestrebt - als "wahr" für sich stehen?

"... dieser gigantische geistige Weltsupermarkt, der Aktualität gegenüber relativ träge, was nichts ausmacht, weil er zugleich eben auch noch, anders als das ähnlich inhaltsreiche Internet, ein Anwesenheitsort der realen menschlichen Körper ist. ... diese versammelte Studiumsabsurdität und intellektuelle Sinnhaftigkeit zugleich summieren sich zu dem an keinem anderen Ort der Welt akkumulierbaren, lebenslänglichen Kapital, das hier an der Universität vergeben wird, nur an Studenten. Geistig konstruktiver wird man nie mehr leben. Später geht es darum, die Sachen niederzutrashen ..."

wobei ich gerade handke als hörbuch höre, tagebuchnotizen "gestern unterwegs" im auto. überraschenderweise großartig für mich. jahrelange kreuz- und querreisen durch die welt und die text-ernte.

wozu die welt eigentlich da ist, die dem text notwendig voraus geht, aber gar nicht zählt am ende. nur ohne geht es eben nicht: sie hält das in gang. (philosophische grundeinsicht?)

wie dann aus solchem text gesprochen etwas anderes wird. secondary literacy. wenn man twitter text2speech ins autoradio spielen lassen könnte.

daneben die andere CD mit altersstimme, bryan ferry's dylanesque. das alter tut ihm gut, und das dylan-material auch. leider schlechte musik. dieser merkwürdige allgegenwärtige geschmacks post-rock, x spuren, pathetische gitarrensounds allüberall, komplett belanglos. aber insgesamt sehr interessant.

brachte mich wieder dazu, endlich, dylan neu zu hören. dessen altersstimme ich nicht mag. aber bis 1991 ungefähr, und schon gleich als ultrajunger folkie, ist da dieses existentielle intensive etwas in der stimme, das sofort tief einschneidet. ich kenne nichts ähnliches. eine völlig andere liga.

"Text ist hier: die aus der Sprache lebende Literatur. Und es ist interessant und entmutigend zu sehen, dass die Autoren, die diese Art sprachgenerierte Literatur machen oder gemacht haben, eigentlich immer, zwangsläufig in der Isolation, im sozialen Abseits und damit über kurz oder lang in der Verblödung irgendwelcher abgedrehter Individualkosmen, im Schwachsinn gelandet sind. Privatroman, Langsame Heimkehr, Bocksgesang."

kiwi-anthologie gerade herausgekommen, schreibt mir amazon. kann man in twoday nicht externe bilder verlinken? [doch, natürlich. ich depp.]

pop

die namensliste liest sich nicht wirklich interessant. vielleicht haben sie ja großartige textausschnitte gefunden, die im kontext etwas ganz anderes ergeben? eher nicht, vermutlich. bei "pop-literatur" fehlt ja leider gerade dieses interesse am text.

artikel. vielleicht ein bisschen arg locker, aber eben doch. (#)

und deutsch eingeleitet Linda Stone's vortrag über Continuous Partial Attention auf dem Burda Digital Lifestyle Day.

Beides in "Neue Gegenwart. Zeitschrift für Medienjournalismus".

ist wohl hier versammelt und kann da studiert werden
re:publica (programm, referenten). das meiste scheint eher uninteressant, anfänger-sachen und modelleisenbahnbauer-foren, aber:


* Von der Gutenberg- zur Turing-Galaxis. Eine kleine Geschichte der Wissensallmende. (Volker Grassmuck)
* Metaversen. Ein historischer und gegenwärtiger Überblick (Web 20 vs. Web 3D)
* Die Medien(r)evolution: Wie überholt sind die alten Medien, wie innovativ die neuen?

ansonsten müsste man gezielt gute / als gut geltende deutsche web2.0 blogs lesen, über tage, und den sound dieser blogs zu fassen versuchen. wie reden sie, wenn es funktioniert? was ist der unterscheid zu den guten englischsprachigen?

        

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